Nicht alles hängt an X und Y

9. März 2021 0 Kommentare

Jahrzehntelang hat die Menschheit gedacht, Männer würden häufiger einen Herzinfarkt erleiden als Frauen. Heute weiß man, das ist falsch – nur die Symptome sind andere. Obwohl sich seither viel getan hat, um den „Gender Health Gap“ zu verkleinern, sei es nicht genug, stellt Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender-Medizin an der MedUni Wien fest. Doch hängt lange nicht alles von den XX- und XY-Chromosomen ab.

„Gender-Medizin braucht es mehr denn je“, so Kautzky-Willer im Gespräch mit ORF.at. Selbst dort, wo schon viel passiert sei, gebe es immer noch großen Aufholbedarf, die Lücken bei der gesundheitlichen Versorgung zwischen Männern und Frauen zu schließen. Dabei gehe es, so die Einschätzung der Expertin, weniger um die Gynäkologie und Geburtsheilkunde, als um jene Krankheiten, die beide Geschlechter betreffen – etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nierenerkrankungen, Darmkrebs, Adipositas und Diabetes. „Hier werden Frauen immer noch nicht gleich gut behandelt und haben Therapienachteile“, so Kautzky-Willer. „Das männliche Bild dominiert immer noch.“

Beim Herzinfarkt wissen Medizinerinnen und Mediziner heute, dass die Wahrscheinlichkeit von Fehldiagnosen bei Frauen stark erhöht ist. Häufig treten bei Frauen zum Beispiel gar keine Brustschmerzen auf, dafür aber Bauchschmerzen, Kurzatmigkeit, Übelkeit und Müdigkeit. Dieses Wissen erleichtert Ärztinnen und Ärzte die Diagnose von Herzinfarkten bei Frauen.

Diagnose und Heilung brauchen bei Frauen oft länger

Dennoch: „Frauen brauchen bei einem Herzinfarkt oft länger, bis sie die richtige Diagnose und die richtige Therapie bekommen“, so Kautzky-Willer. Immer wieder erleiden Frauen mit „normalen“ Angiogrammen nämlich Herzinfarkte, da ihre Arterien häufig nicht blockiert sind und sich zum Beispiel Gefäßverkrampfungen nicht im Angiogramm zeigen. Auch beim akuten Schlaganfall werden Frauen öfter später diagnostiziert und kommen später zur Rehabilitation.

Die Gendermedizinerin und „Wissenschafterin des Jahres 2016“, Alexandra Kautzky-Willer

APA/Herbert Neubauer
Kautzky-Willer ist Fachärztin für Innere Medizin und Professorin für Gender-Medizin an der MedUni Wien

 

Zumindest aber sei beim Herzinfarkt das allgemeine Bewusstsein etwas höher als bei anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, etwa bei der Herzschwäche: „Vor allem ältere Frauen leiden häufiger an einem steifen Herz, bei dem die Füllphase der Herzleistung beeinträchtigt ist. Da gibt es nach wie vor noch nicht so gute medikamentöse Therapien“, erklärt die Gender-Medizinerin.

Auch bei Diabetes gebe es noch viele Fragezeichen für Frauen. „Wir wissen, dass Diabetes zwar das Risiko der Frau für Herzinfarkte, Nierenerkrankungen und Schlaganfälle stärker erhöht als beim Mann – aber warum? Da gibt es verschiedene Ansätze, doch wir wissen es nicht genau.“

Forschung immer noch zugunsten von Männern?

Der Grund: Die Forschung war lange Zeit männlich dominiert und hinkt nach. Frauen müssen heute zwar in medizinische Studien eingeschlossen werden, doch meistens handelt es sich bei den Probandinnen um Frauen nach der Menopause oder Frauen, die keinesfalls schwanger werden können, denn der Hormonhaushalt kann die Wirksamkeit von Medikamenten und damit die Studien beeinflussen.

„Gender Health Gap“

Als „Gender Health Gap“ werden die Unterschiede beim Gesundheitszustand und der gesundheitlichen Versorgung zwischen Männern und Frauen bezeichnet.

Für klinische Studien, etwa bei der Erforschung von Medikamenten, macht es demnach einen Unterschied, in welcher Zyklushälfte sich eine Teilnehmerin befindet, ob sie die Pille nimmt oder eine Hormonersatztherapie hat, ob sie schon in den Wechseljahren ist, und so weiter.

Mitunter deshalb ist der Anteil männlicher Probanden bei klinischen Studien immer noch höher: „Der Frauenanteil liegt ungefähr bei 25, 30 Prozent“, so Kautzky-Willer. Wenn weniger Frauen bei Studien teilnehmen, sind die Ergebnisse folglich für Frauen weniger aussagekräftig als für Männer – und außerdem unterschiedlich von Frau zu Frau je nach Hormonhaushalt.

„Der Mensch ist sehr komplex“

Neben dem Geschlecht gibt es noch viele weitere Aspekte, die das Ungleichgewicht in der Gesellschaft beim Thema Gesundheit und Vorsorge beeinflussen können. Kautzky-Willer nennt etwa das Gewicht, das Alter, sozioökonomische Faktoren, Kultur und Herkunft sowie die Umwelt als Beispiele.

Wann macht das Geschlecht keinen Unterschied mehr?

Auch Rollen- und Aufgabenverteilung, Über- und Belastungen in der Familie können manche Menschen eher krank werden lassen als andere. „Der Mensch ist sehr komplex. Nicht alles ist biologisch erklärbar“, schlussfolgert die Expertin. „Da spielen eben nicht nur die Gene eine Rolle.“ Selbst dass Frauen statistisch gesehen fünf Jahre länger leben als Männer, hat laut Kautzky-Willer nicht nur genetische Gründe: „Es ist auch eine Frage des Lebensstils.“

Lücken in alle Richtungen

Kautzky-Willer betont jedoch, dass sich die Lücken auch auf der „männlichen Seite“ erkennen lassen. Osteoporose sei beispielsweise bei Frauen besser erforscht als bei Männern, und beim Glioblastom, einem gefährlichen Gehirntumor, wisse die Medizin, dass Frauen besser auf eine Standardtherapie ansprechen. Auch die Depression ist bei Frauen besser erforscht. So fand die Medizinhistorikerin Alison Haggett von der Universität Exeter in England heraus, dass zwar psychische Probleme häufiger bei Frauen diagnostiziert werden, Männer aber dreimal so häufig Suizid begehen als Frauen.

Sie begründet das damit, dass die psychische Gesundheit von Männern bisher zu wenig untersucht worden sei. Haggett regt an, die Psychologie müsse bei Verhaltensmustern wie Gewalt, sexuellem Fehlverhalten und auch Geltungsdrang – häufig als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet – mehr die sozialen und emotionalen Gründe hinterfragen. In den Humanwissenschaften wird hier vom „Gender Empathy Gap“ gesprochen, was bedeutet, dass Männern und Frauen tendenziell unterschiedlich viel Mitgefühl bei emotionalen Problemen entgegengebracht wird.

Trotz Coronavirus-Pandemie raten Ärztinnen und Ärzte jedenfalls, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen und sich bei Beschwerden jeder Art nicht davor zu scheuen, einen Arzt bzw. eine Ärztin aufzusuchen. Bei gesundheitlichen Unklarheiten kann in Österreich immer die Gesundheitsnummer 1450 zur Erstberatung gewählt werden, für psychologischen Rat und Unterstützung etwa die Telefonseelsorge 142. Die Frauenhelpline ist unter 0800 222 555 zu erreichen.

Christina Vogler, ORF.at

https://orf.at/stories/3203460/